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Umfeld

Interview mit Werner Schiesser, CEO BDO Schweiz

 

Welches waren 2018 die grössten Herausforderungen für BDO?

Eine prägende Rolle spielt weiterhin die Digitalisierung: Die Art, wie wir arbeiten, verändert sich. Wir sind gefordert, in neue Lösungen zu investieren, deren Wirkung auf unsere Mitarbeitenden und auf unsere Kunden zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar sind. Zudem haben wir in neue Dienstleistungen investiert, mit denen wir nun an den Markt gehen – beispielsweise im Bereich Cyber Security. Eine zunehmend wachsende Herausforderung stellt die Suche nach guten Mitarbeitenden dar. Dies betrifft alle Stufen - vom Lernenden bis zum Mitarbeitenden mit Expertendiplom. Um eine attraktive Arbeitgeberin zu bleiben, leisten wir daher besonderen Effort. So haben wir das Vielfaltsmanagement ausgebaut und die Jahresarbeitszeit eingeführt; zudem engagieren wir uns aktiv mit Pro Bono Programmen und verankern Corporate-Social-Responsibility-Themen in unserer Unternehmenskultur.

 

Welches waren Ihre persönlichen Highlights im Jahr 2018?

Es klingt unaufgeregt: aber zum elften Mal in Folge ein Wachstum auszuweisen, macht mich stolz. Die 3,3 Prozent Wachstum im Jahr 2018 sind fast ausschliesslich organisch zustande gekommen und zeigen die ausgezeichnete Marktstellung von BDO. Zudem haben wir mit bedeutenden Mandatszugängen in verschiedenen Bereichen den Grundstein für eine Fortsetzung dieser Erfolgsstory gelegt.

 

Welche Entwicklungen stellen Sie generell in der Branche fest?

Alle grösseren Wirtschaftsprüfungs- und Treuhandgesellschaften müssen sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Zum einen hat sie immense Auswirkungen auf die Art, wie wir und unsere Kunden arbeiten. Zum anderen entstehen neue Geschäftsfelder, insbesondere in der Beratung zu digitalen Themen. Treuhand-Dienstleistungen sind heute nicht mehr ausschliesslich bei Treuhand-Gesellschaften ein Thema. Es gibt zunehmend auch andere Marktteilnehmer, die sich für das Geschäft interessieren. Dies führt zur Bildung von Kooperationen und Allianzen, die vor einigen Jahren noch wenig sinnvoll gewesen wären.

Ein wichtiges Branchenthema ist auch die aktuell diskutierte Teilflexibilisierung der Arbeitszeit. Wir sind als Branche darauf angewiesen, dass unsere Mitarbeitenden den Kundenanfragen im Frühling gerecht werden können. Im Sommer werden die Überstunden kompensiert. Es geht also nicht darum, dass die Mitarbeitenden mehr arbeiten, sondern dass sie die Arbeit ausserhalb des engen Korsetts des geltenden, industriell geprägten, Arbeitsrechts erbringen können.

 

Mit welchen Themen wird sich BDO in den nächsten Jahren auseinandersetzen? Welche Chancen und Herausforderungen bestehen?

Ich sehe für BDO eine gute und stabile weitere Entwicklung. Die Nähe zu unseren Kunden und der persönliche Kontakt werden im zunehmend digitalisierten Umfeld noch wichtiger. Unsere dezentrale Struktur mit 34 Niederlassungen macht Kundennähe möglich und erlebbar. Zudem haben wir mit einer Fluktuationsrate von 13 Prozent den Vorteil, dass unsere Kunden über längere Zeit mit dem gleichen BDO Team arbeiten können. Honoriert wird dies mit einer durchschnittlichen Mandatsdauer von über 20 Jahren!

Wir müssen uns aber auch umsehen und für einzelne Themen Kooperationen und neue Formen der Zusammenarbeit eingehen. Ein solches Beispiel ist das Engagement von BDO bei der Daura AG, einem Tochterunternehmen der Swisscom, Deutschen Börse Gruppe, Sygnum und Luka Müller, dem Mitgründer der Anwaltskanzlei MME. Daura ist eine auf Blockchain-Lösung basierte Plattform, auf der Unternehmen ihr Aktienregister digital führen und auch Kapitalerhöhungen effizient abwickeln können.

Auch in Zukunft sehe ich die Herausforderung vor allem darin, ausreichend und «passend» qualifiziertes Personal zu finden. Wir sind etwas zu klein für die ganz grossen Budgets im Personalmarketing. Also müssen wir smarter agieren als unsere grossen Mitbewerber. Gegenüber den kleinen Mitbewerbern hilft uns natürlich der Brand und die gute Reputation, die wir im Markt geniessen. BDO und die Branche müssen das Ausbildungsangebot den veränderten Arbeitsweisen und Fragestellungen anpassen. Da gibt es einiges zu tun!

 

Wie sehen Sie den Unternehmensstandort Schweiz im internationalen Vergleich?

Wer in der Schweiz geboren ist, hat bereits einen «Sechser» im Lotto gewonnen! Das gilt im Grundsatz auch für Unternehmen. Die Qualität des Standorts ist insgesamt sehr gut. Es gibt aber auch klare Herausforderungen. Diese sind zum einen regulatorischer Natur, wo hin und wieder etwas mehr Pragmatismus wünschenswert wäre. Zudem erfinden wir häufig digitale Lösungen für das gleiche Thema in 26 Kantonen auf unterschiedliche Weise - das ist ineffizient und darf nicht sein.

Eine weitere Herausforderung ist gesellschaftlich-politischer Natur. Der Erfolg der Schweiz ist kein «Selbstläufer»: Die Wirtschaft braucht weiterhin gute Rahmenbedingungen. Aber die Wirtschaft muss auch dazu beitragen, dass Menschen mit tiefer Qualifikation und Zukunftsängsten eine Perspektive und Sicherheit in unserem Land haben. Geschieht das nicht, folgen sie populistischen Programmen, die auf Abschottung setzen und eine heile Welt versprechen.

 

Das Thema Blockchain ist sehr aktuell. Wird es künftig weiter an Relevanz gewinnen?

Blockchain ist in aller Munde. Blockchain wird aber unser Leben nicht heute oder morgen total verändern. Die prominenten Aushängeschilder der Blockchain, die Kryptowährungen, zeigen seit einiger Zeit, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber: Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Technologie noch viele Anwendungen hervorbringen wird, die im täglichen Leben eine Rolle spielen werden. Ich kann mir vorstellen, dass die Bedeutung dieser Technologie ähnlich gross wird wie jene des Internets.

 

Am 19. Mai kann das Stimmvolk über die Steuervorlage und die AHV-Finanzierung abstimmen. Wie bedeutend ist die Annahme der Vorlage?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorlage sehr wichtig ist für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Mit der Vorlage werden viele Arbeitsplätze gesichert und die Unternehmen erhalten wieder Planungssicherheit über das künftige steuerliche Umfeld und die damit verbundenen Abgaben. Mit einer Annahme der Reform wird auch vermieden, dass die OECD die Schweiz auf eine schwarze Liste setzt; als Staat, der nicht kooperieren und die verpönten Steuerregimes abschaffen will. Ferner kann damit auch vermieden werden, dass einzelne EU-Staaten einseitige Massnahmen gegenüber der Schweiz ergreifen.

 

Wie profitieren Ihre Kunden von dieser Reform?

Für einen grossen Teil unserer Kunden ist entscheidend, wie die Kantone die Steuervorlage umsetzen und mit welchen künftigen, sprich tieferen, Steuersätzen die Unternehmen rechnen können. Ferner ist auch wichtig, wie die künftige Dividendenbesteuerung für die Unternehmer ausgestaltet ist. Auf jeden Fall wäre es wünschenswert, wenn eine Mehrbelastung für den Aktionär und sein Unternehmen vermieden werden könnte.

 

Wie beurteilen Sie die Verknüpfung der Steuervorlage mit der AHV-Finanzierung, den sog. «Kuhhandel»?

Diese Verknüpfung hat bereits zu etlichen Diskussionen geführt. Diesbezüglich ist wichtig im Auge zu behalten, dass die Reform längerfristig zu Mehreinnahmen führen wird. Die Vorlage ist ein typischer und politisch breit abgestützter Kompromiss, der zur Sicherung eines attraktiven und sicheren Wirtschaftsstandortes Schweiz beitragen soll.

 

Im Rahmen der bevorstehenden Volksabstimmung zur Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF) werden erstmals seit 1975 die AHV-Lohnbeiträge um total 0,3 Prozent erhöht. Ist damit die Altersvorsorge bereits gesichert?

Nein, ganz bestimmt nicht. Dieser Zustupf an die AHV ist rein finanziell betrachtet zwar durchaus sinnvoll, wird aber die Probleme der 1. Säule nicht lösen. Das Konzept der Altersvorsorge muss den gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem demografischen Wandel und der steigenden Lebenserwartung angepasst werden. Eine «echte» Reform der gesamten Altersvorsorge - zusammen mit der 2. Säule - ist deshalb von höchster Dringlichkeit. Das Thema ist auch in der Bevölkerung relevant. Dies sieht man beispielsweise am alljährlichen Sorgenbarometer, wo die Sicherung der Altersvorsorge in den letzten Jahren immer einen der vorderen Plätze besetzt hat.

 

Dann führt kein Ausweg an der Erhöhung des Rentenalters vorbei?

Nicht unbedingt, verschiedene Massnahmen führen zum Ziel. Das Rentenalter ist sicherlich eine von vielen Massnahmen. Die vorhandene Verknüpfung von «Jung und Alt» hindert uns möglicherweise daran, überhaupt eine von allen akzeptierte Lösung in der Sicherung der Altersvorsorge zu finden. Den Jungen gefällt nicht, was die Alten haben, und den Alten gefällt nicht, was die Jungen wollen. Diesen Spagat gilt es zu überdenken und Lösungen für beide Seiten zu finden. Eine spontane Idee könnte ja beispielsweise sein, dass mittels Generationenschnitt die Jungen auf ihrer Rente später einen Steuerrabatt erhalten. Das wäre nichts Neues, da vor vielen Jahren verschiedene Renten auch nicht zu 100 Prozent, sondern reduziert besteuert wurden.

 

Die Wirtschaft wird auch ihren Anteil an die Sicherung unseres Vorsorgesystems beitragen müssen. Was macht das Unternehmen BDO, als Teil der Wirtschaft, für seine Mitarbeitenden im Bereich der Altersvorsorge?

Abgesehen von sehr guten Leistungen während der Anstellungszeit, wie freiwillig höhere Lohnfortzahlungen bei Krankheit, Unfall oder Mutterschaft, können unsere Mitarbeitenden ab Alter 30 freiwillig höhere Sparbeiträge an ihre Pensionskasse einzahlen. Diese reduzieren in der Anstellungszeit das steuerbare Einkommen und erhöhen das Alterskapital, womit mehr Geld im Alter vorhanden ist. Freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse fliessen voll und ganz zurück, sowohl an den Versicherten selbst, aber auch im Todesfall an die Hinterbliebenen. Weiter ist bei BDO der gesamte AHV-pflichtige Lohn - abgesehen von unregelmässig fliessenden Lohnbestandteilen - voll versichert. Einen Koordinationsabzug und damit insbesondere eine Bestrafung von Teilzeitarbeitenden kennen unsere Versicherten nicht. Damit halten wir Schritt mit den Entwicklungen am (Teilzeit-)Arbeitsmarkt. Das kostet uns als Wirtschaftsunternehmen viel Geld, dafür sind wir als Arbeitgeber attraktiv und übernehmen Verantwortung - heute, aber auch im Rentenalter unserer Mitarbeitenden.