Internes Kontrollsystem in der Schweiz: Pflicht erfüllt - Potenzial ungenutzt?
Internes Kontrollsystem in der Schweiz: Pflicht erfüllt - Potenzial ungenutzt?
Wie Schweizer Organisationen ihr Internes Kontrollsystem vom regulatorischen Muss zum strategischen Erfolgsfaktor entwickeln
Das Interne Kontrollsystem (IKS) ist in Schweizer Unternehmen breit etabliert und regulatorisch fest verankert. Doch steigende Prozess- und Organisationskomplexität, digitale Transformation sowie dynamische Regulierungsanforderungen verändern die Spielregeln. Gefragt sind heute integrierte, digitale und strategisch wirksame IKS-Modelle, die weit über reine Compliance hinausgehen.
Die gemeinsame Studie von BDO und swissaxis zur IKS-Landschaft in der Schweiz zeigt klar: Die strukturelle Basis ist vorhanden - das strategische Potenzial bleibt jedoch vielfach ungenutzt.
Compliance dominiert - Strategie bleibt Nebensache
Die formale Einführung eines IKS ist heute Standard. Zuständigkeiten sind definiert, Kontrollen dokumentiert und regulatorische Anforderungen erfüllt. Doch seine eigentliche Wirkung entfaltet das IKS erst dann, wenn es systematisch in Führungs- und Entscheidungsprozesse integriert wird. Erst wenn es substanziell zur Risikotransparenz, Prozessstabilität und Entscheidungsqualität beiträgt, gewinnt es strategische Relevanz.
In der Praxis zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild:
- Das IKS ist stark auf Finanzprozesse fokussiert.
- Geschäftskritische Prozesse über Funktionsgrenzen hinweg bleiben oft unzureichend abgedeckt.
- Die strategische Steuerungswirkung ist entsprechend begrenzt.
- Das IKS ist strukturell etabliert, jedoch nicht entlang der gesamten Wertschöpfungskette in die Gesamtsteuerung eingebettet.
Viele Organisationen schätzen ihren Reifegrad dennoch als hoch ein. Institutionen mit höher wahrgenommenem Reifegrad verstehen das IKS als zentralen Bestandteil ihrer Risikokultur. Bei geringerer Reifegradwahrnehmung dominiert hingegen eine formalistische Sichtweise, bei der das IKS primär als regulatorische Pflicht betrachtet wird.
Besonders aufschlussreich: Nur wenige Organisationen können den wirtschaftlichen Nutzen ihres IKS konkret beziffern. Positive Effekte wie
- stabilere Prozesse,
- geringere Fehleranfälligkeit,
- reduzierte Verluste oder
- verlässlichere Entscheidungsgrundlagen
werden selten explizit dem IKS zugeschrieben. Entsprechend wird es vielfach als Pflichtaufgabe statt als aktives Führungsinstrument wahrgenommen.
Fragmentierte Kontrollen im digitalen Spannungsfeld
In vielen Organisationen ist das IKS historisch gewachsen: Neue regulatorische Anforderungen oder Akquisitionen führten zu punktuellen Ergänzungen - häufig ohne übergreifendes Gesamtkonzept. Die Folgen sind:
- redundante Kontrollen und Doppelspurigkeiten,
- Kontrolllücken,
- unklare Verantwortlichkeiten sowie
- fehlende Transparenz über Risiken und Wirksamkeit.
Auch technologisch zeigt sich ein deutlicher Nachholbedarf:
- 65 Prozent der befragten Organisationen nutzen Excel als zentrales IKS-Tool,
- 35 Prozent setzen sogar ausschliesslich darauf,
- nur rund 10 Prozent verwenden spezialisierte Tools für Governance, Risiko- und Compliance-Management (GRC) oder dedizierte IKS-Software.
Solange Prozesse stabil und überschaubar bleiben, mag dies funktionieren. Mit zunehmender Digitalisierung, Systemintegration und Prozesskomplexität verlagern sich Risiken jedoch verstärkt in IT-Landschaften und Schnittstellen - genau dort, wo Transparenz entscheidend wäre.
Was jetzt gefragt ist:
- automatisierte, prozessintegrierte Kontrollen,
- kontinuierliches Monitoring,
- datenbasierte Analysen und KI-gestützte Anwendungen.
Diese ermöglichen eine höhere Prüfungsdichte und verschieben den Fokus von reaktiver Dokumentation hin zu präventiver Steuerung. Entscheidend ist dabei weniger die isolierte Einführung einzelner Tools als vielmehr deren konsequente Einbettung in ein integriertes, unternehmensweites Steuerungssystem.
Führung entscheidet über Wirksamkeit
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Das Engagement der Geschäftsleitung zählt zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren. Aktive Unterstützung durch das Top-Management führt zu
- einem höheren wahrgenommenen Reifegrad,
- einer stärkeren Integration des IKS in Entscheidungsprozesse sowie
- einer klareren strategischen Verankerung.
Fehlt dieses Commitment, verbleibt das IKS häufig auf operativer Ebene und wird primär administriert. In dieser Konstellation wird es eher als Kostenfaktor wahrgenommen, während seine tatsächliche Steuerungswirkung begrenzt bleibt.
Klar ist: Ein wirksames IKS braucht mehr als methodische Präzision. Es erfordert strategisches Führungsverständnis, klare Priorisierung und konsequente Umsetzung.
Vom Kontrollsystem zum strategischen Führungsinstrument
Die Grundlagen sind in vielen Organisationen gelegt. Der nächste Entwicklungsschritt besteht darin, das IKS konzeptionell, technologisch und organisatorisch weiterzuentwickeln sowie die zentralen Stellhebel stärker aufeinander abzustimmen. Manuelle und digital fragmentierte Kontrollumgebungen werden der zunehmenden Prozesskomplexität und regulatorischen Dynamik langfristig nicht gerecht. Gefordert sind integrierte, automatisierte und risikobasierte Modelle mit wirksamen Frühwarnmechanismen. Parallel dazu wird in vielen Organisationen das Risikomanagement ausgebaut, jedoch nicht durchgängig mit dem IKS abgestimmt. Besonders kritisch ist die häufig fehlende Abstimmung zwischen Risikobeurteilung und Kontrolldesign. Wo Risiken identifiziert, aber nicht systematisch in Kontrollen überführt werden, bleibt das IKS reaktiv und statisch - statt dynamisch und vorausschauend.
Fazit - jetzt strategisch nachschärfen
Die IKS-Landschaft in der Schweiz ist strukturell gut aufgestellt, ihr strategisches Potenzial jedoch noch nicht ausgeschöpft. Organisationen, die ihr IKS gezielt weiterentwickeln, profitieren von:
- höherer Transparenz,
- besserer Entscheidungsqualität,
- wirksamer Risikosteuerung sowie
- nachhaltiger Prozessstabilität.
Die vollständige Studie von BDO und swissaxis zur IKS-Landschaft in der Schweiz liefert vertiefte Analysen, praxisnahe Einordnungen und konkrete Entwicklungspfade - und bietet damit eine fundierte Grundlage, um das IKS strategisch weiterzuentwickeln und nachhaltig Wirkung zu erzielen.

