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Fachartikel:

Regulierung von Krypto-Assets in der Schweiz

21. Februar 2019

Susanne DeZordi Bernkopf, Dominik Seiler |

Die schweizerische Politik und Behörden unterstützen in den vergangenen Jahren die Entwicklung des schweizerischen Blockchain-Nexus aktiv und medienwirksam. Auf eine überbordende Regulierung wurde verzichtet. Ein von der FINMA an die Fachkommission für Bankenrevision gerichtetes Schreiben betreffend Eigenmittelunterlegung, Risikoverteilungsvorschriften und Liquiditätsanforderungen im Zusammenhang mit Krypto-Assets bei Banken bringt nun eine erfreuliche Klärung bezüglich deren Handhabung, aber auch eine gewisse Frustration bei den Blockchain-Supporten.

Krypto-Assets haben in den vergangenen Jahren für viel Gesprächsstoff in der Finanzwelt und darüber hinaus gesorgt. Die Schweiz konnte sich an vorderster Front platzieren und das Krypto-Valley Zug gilt als erste Adresse, wenn es um die Ausgabe neuer Krypto-Assets (ICOs, Initial Coin Offerings) geht. Im Zuge des Aufstiegs dieser neuen Anlageklasse ergaben sich grundlegende Regulierungsfragen.

Die FINMA gibt sich betont innovationsfreundlich und hat am 16. Februar 2018 eine Wegleitung für Unterstellungsfragen betreffend ICOs herausgegeben. Die Wegleitung folgt der Auffassung der FINMA, dass das Schweizer Finanzmarktrecht prinzipienbasiert ausgestaltet ist und dem Grundsatz der Technologieneutralität folgen soll. Als Anhang zu vorgenannter Wegleitung publizierte die FINMA einen Fragebogen mit Mindestangaben bei ICO-Unterstellungsfragen, der vor Durchführung eines ICOs an die FINMA eingereicht werden kann. Die FINMA beurteilt daraufhin die Anwendbarkeit des Finanzmarktrechts im Sinne einer wirtschaftlichen Betrachtungsweise. Gegebenenfalls stellt sie den ICO-Organisatoren einen non-action-letter aus, was im Sinne der Rechtssicherheit begrüssenswert ist. Die FINMA wurde jedoch mit Anfragen überrannt, weshalb mit längeren Reaktionszeiten zu rechnen ist.

Zahlungstoken

Token sind mit reinen «Kryptowährungen » gleichzusetzen, ohne mit weiteren Funktionalitäten oder Projekten verknüpft zu sein. Token können in gewissen Fällen erst mit der Zeit die notwendige Funktionalität und Akzeptanz als Zahlungsmittel entwickeln. Sie vermitteln keine Ansprüche gegenüber einem Emittenten.

 

Nutzungs-Token

Token, die Zugang zu einer digitalen Nutzung oder Dienstleistung vermitteln sollen, welche auf oder unter Nutzung einer Blockchain-Infrastruktur erbracht wird.

 

Anlage-Token

Token repräsentieren Vermögenswerte wie Anteile an Realwerten, Unternehmen, Erträgen oder Anspruch auf Dividenden oder Zinszahlungen. Der Token ist damit hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Funktion wie eine Aktie, Obligation oder ein derivatives Finanzinstrument zu werten.

 

Ein weiteres Kernproblem für die ICO-Organisatoren stellt jeweils dar, dass es sehr umständlich ist, bei einer Schweizer Bank ein Firmenkonto zu eröffnen, um die entsprechenden Zahlungsströme abzuwickeln. Am 21. September 2018 hat die Schweizerische Bankier Vereinigung einen diesbezüglichen Leitfaden mit dem Ziel veröffentlicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, um das nachhaltige Wachstum von Unternehmen mit Blockchain-Nexus zu unterstützen. Konkret wurden Bedingungen beschrieben, die es Schweizer Banken erlauben sollen, entsprechende Kundenbeziehungen aufzunehmen. Dabei wird jedoch nach wie vor davon ausgegangen, dass keine Kryptowährungen durch die Bank entgegengenommen werden, sondern einzig die daraus resultierenden Zahlungsströme in FIAT-Währungen. Unter FIAT-Währungen werden hierbei von einer Regierung geschaffene und kontrollierte Währungen verstanden, also z.B. USD, EUR oder CHF. 

Mit den verbesserten Rahmenbedingungen sollte für die Zukunft die Grundlage geschaffen sein, dass die Schweiz ihren Spitzenplatz im Bereich der Blockchain-Technologien verteidigen kann.

 

Krypto-Assets bei Banken - Risiko-Einstufung und regulatorische Auswirkungen

Wollen Banken selbst Geschäfte mit Krypto-Assets tätigen, sei es im Eigenhandel oder im Brokerage für Kunden, scheint die Innovationfreundlichkeit nun jedoch seine Grenzen zu finden.

Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Basler Ausschuss) hat am 20. September 2018 im Rahmen einer Sitzung die Risiken von Krypto-Assets für Banken behandelt und dabei beschlossen, dieses Thema weiter zu verfolgen. Daraufhin hat die FINMA in ihrem Schreiben an die Fachkommission für Bankenrevision am 15. Oktober 2018 ihren Standpunkt betreffend Eigenmittelunterlegung, Risikoverteilungsvorschriften und Liquiditätsanforderungen im Zusammenhang mit Krypto-Assets kommuniziert, der bis zur Festlegung von einheitlichen Kriterien durch den Basler Ausschuss Gültigkeit haben soll. Aufgrund von Rückfragen seitens der betroffenen Banken zu den vorgesehenen Risikoverteilungsregeln findet dieser Absatz aktuell keine Anwendung und soll im Jahr 2019 weiter ausgearbeitet werden. Die weiteren Punkte sind seit dem 1. Januar 2019 anzuwenden. Unter Berücksichtigung der hohen Volatilität von Krypto-Assets und deren besonderen Risiken wählt die FINMA einen sehr vorsichtigen Ansatz. In Anbetracht des erst kurzen Bestehens von Krypto-Währungen und der Kursentwicklung, insbesondere im Jahr 2018, ist dies nachvollziehbar. Aufgrund der strengen Anforderungen werden Marktteilnehmer zur Kompensation höhere Margen in diesem Geschäft erzielen müssen, damit das Anbieten von Krypto-Services für Kunden überhaupt finanziell attraktiv ist.  Nachfolgend fassen wir die wesentlichen Anforderungen des FINMA-Schreibens zusammen:

 

Eigenmittelunterlegung

Zur Berechnung der notwendigen Eigenmittelunterlegung ist gemäss den Vorgaben der FINMA für alle Krypto-Assets, unabhängig davon, ob sie im Banken- oder Handelsbuch geführt werden, ein pauschales Risikogewicht von 800 % für die Unterlegung von Kredit- und Marktrisiken anzuwenden. Dadurch müssen bei einer Eigenmittelunterlegung von 8 % faktisch 64 % des Werts der Krypto-Assets mit Eigenmitteln unterlegt sein. Die unten aufgeführte Tabelle illustriert die Kapitalunterlegung von Kredit- und Marktrisiken von verschiedenen Positionen mit einem Betrag von 1'000 US-Dollar. Der Ansatz eines hohen Risikogewichtes ist nachvollziehbar, wenn man diesen u.a. mit dem von anderen Produkten vergleicht, die weniger transparent sind (z.B. kollektive Kapitalanlagen im vereinfachten Ansatz, bei denen also nicht transparent hindurchgeschaut wird). Diese sehr hohe Anforderung führt naturgemäss zu bedeutend höheren Kosten und einer tieferen Rentabilität von Geschäften mit Krypto-Assets. Wir gehen davon aus, dass entsprechende Vorgaben zu einem späteren Zeitpunkt in der Verordnung über die Eigenmittel und Risikoverteilung (ERV) übernommen werden.

 

BANK BILANZ

Produkte

Kapitalanforderung Kreditrisiko

Kapitalanforderung Marktrisiko (Fremdwährung (8% auf offene Position))

Kapitalanforderung Markt- und Kreditrisiko

Risikogewicht für Kreditrisiko

Kapitalanforderung (Unterlegung mit 8%)

Kurzfristige Geldanlage bei Bank (ohne Rating)  in USD

 

20 %

8 % * 250 %  von 1'000 = 16

8 % von 1'000 = 80

16 + 80 = 96

Kredit gegenüber Unternehmen (ohne Rating) in USD

100 %

8 % von 1'000 = 80

8 % von 1'000 = 80

80 + 80 = 160

Kollektive Kapitalanalage in USD (Vereinfachter Ansatz)

250 % - 400 %

8 % * 250% von 1'000 = 200 bzw.

8 % * 400% von 1'000 = 320

8 % von 1'000 = 80

200 + 80 = 280
320 + 80 = 400

Krypto Asset

 

*)

*)

*)

800 % * 8 % * 1'000 = 640

*) Keine separate Berechnung, da das Risikogewicht von 800 % Kredit- und Marktrisiken zusammen abdeckt.
 

Darüber hinaus sind zur Begegnung der operationellen Risiken aus den Geschäften mit Krypto-Assets, also der Gefahr von Verlusten, die in Folge der Unangemessenheit oder des Versagens von internen Verfahren, Menschen oder Systemen oder in Folge von externen Ereignissen eintreten, ebenfalls Mindesteigenmittel zu halten. Die Erfolge aus dem Geschäft mit Krypto-Assets – analog zum Ansatz für andere ertragsbringende Aktiven – werden in die Berechnung des Ertragsindikators miteinbezogen. Die diesbezüglich erforderlichen Mindesteigenmittel entsprechen also, je nach gewähltem Ansatz und Geschäftstätigkeit, 12-18 % der durchschnittlichen Erträge aus dem Geschäft mit Krypto-Assets der vergangenen 3 Jahre.

 

Liquiditätsanforderungen

Banken müssen jederzeit genügend qualitativ hochwertige, liquide Aktiva (High Quality Liquid Assets, HQLA) halten, um einen möglichen Nettomittelabfluss decken zu können, der in einem Stressszenario mit 30-Tage-Horizont zu erwarten ist. Diesbezüglich nimmt die FINMA die folgenden Auslegungen vor:

  • Für bilanzielle Kundeneinlagen in Kryptowährungen gilt eine Behandlung als Mittelabfluss innert 30 Tagen. Was bei einer Klassifizierung als «weniger stabile Einlagen» einem erwarteten Abfluss von 10% der Einlagen entspricht.

  • Auf der Gegenseite darf nicht davon ausgegangen werden, dass gehaltene Kryptowährungen kurzfristig ohne wesentliche Werteinbusse in liquide Mittel gewechselt werden können. Sie erfüllen daher die Eigenschaften von HQLA nicht und können nicht als Mittelzuflüsse angerechnet werden.

 

Risikoverteilungsvorschriften

Mit Schreiben vom 13. Dezember 2018 wurden die Banken darüber informiert, dass die im Schreiben vom 15. Oktober 2018 geplante Handhabung der Risikoverteilungsvorschriften aufgrund von Rückfragen seitens der Banken per 1. Januar 2019 noch keine Anwendung finden. Um einen Überblick über die geplante Stossrichtung zu geben, beschreiben wir nachfolgend die ursprünglich vorgesehene Regelung.

Bei der Berechnung der Gesamtposition gegenüber einer Gegenpartei ist angedacht, dass die Summe aller Krypto-Assets gegenüber einer Gegenpartei einzubeziehen sind. Im Gegensatz zur Behandlung von Effekten (Art. 123 ERV), die einen Ausweis der Netto-Long-Positionen vorsieht, wären die Krypto-Assets brutto auszuweisen, also die Summe der absoluten Werte aus Long- und Short-Positionen. Dieser Wert bildet die Basis für die Beurteilung, ob ein Klumpenrisiko vorliegt. Ein Klumpenrisiko liegt sodann vor, wenn die Gesamtposition gegenüber einer Gegenpartei oder einer Gruppe verbundener Gegenparteien 10 % der korrigierten anrechenbaren Eigenmittel der Bank erreicht oder überschreitet, wobei diese höchstens 25 % erreichen darf. Beim Erreichen der 10 % Schwelle erwachsen der Bank einerseits entsprechende Meldepflichten (Art. 100 ERV) sowie die Pflicht, ihre Klumpenrisiken zu begrenzen und zu überwachen.

Diesbezüglich hat die FINMA eine weitere Verschärfung vorgesehen, indem sie auf die Berechnung der Gesamtpositionen in Krypto-Assets, zusätzlich zur Bruttobetrachtung, eine Risikogewichtung von 250 % anstelle des üblichen Risikogewichtes von 100 % anwendet. Dies führt dazu, dass bereits das Halten von Krypto-Assets in Höhe von 4 % der anrechenbaren Eigenmittel meldepflichtig würde. Weiter verlangt die FINMA für den Fall des Erreichens dieser Schwelle, dass die Bank die Angemessenheit ihrer internen Limiten zu begründen hat. Als weitere Konsequenz der höheren Risikogewichtung der Krypto-Assets mit 250 % reduziert sich die maximal erlaubte Einzelobergrenze faktisch von 25 % auf 10 %.

Die Vorgaben verdeutlichen die Einschätzung der FINMA, wonach Krypto-Assets auch im Vergleich zu anderen Anlagen als risikoreich einzustufen sind. Dies ist aufgrund der Kursentwicklung und Volatilität dieser jungen Asset-Klasse nachvollziehbar. Aus Sicht der Marktteilnehmer führen diese Vorgaben jedoch zu höheren Eigenmittel-Kosten und könnten die Innovationsfreude der Branche entsprechend bremsen. Es wird spannend zu beobachten sein, ob mit zunehmender Marktreife und mit einem längeren Betrachtungszeitraum diese Risiken abnehmen werden und eine Neueinschätzung möglich wird. Dies wäre für Krypto-Anlagen und Krypto-basierte Geschäftsmodelle wichtig, um am Markt besser Fuss zu fassen.

 

Autoren: Susanne De Zordi Bernkopf und Dominik Seiler