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  • Böse Überraschung beim Verlust unserer Lieben

    Oder: Wie böse Überraschungen durch Verfassen eines Testaments oder Erbvertrages vermieden werden können

Artikel:

Böse Überraschung beim Verlust unserer Lieben

17. Mai 2021

Flandrina Helbling, lic. iur. Rechtsanwältin | Regula Bergsma, Dr. iur. Rechtsanwältin |

⏱ 6 min

Der Verlust eines geliebten Menschen führt, neben dem emotionalen Schmerz, oft zusätzlich zu erheblichen finanziellen Schwierigkeiten und allenfalls sogar zu familiären Auseinandersetzungen. Um finanzielle Beeinträchtigungen zu vermindern und langwierige, kostspielige Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden, ist es entscheidend, sich frühzeitig zu informieren, welche rechtlichen und finanziellen Auswirkungen ein Todesfall nach sich zieht und welche Gestaltungsmöglichkeiten gegeben sind.

 

Der Fall von Sandra

Heinz starb überraschend an einem Herzversagen. Sandra verlor nicht nur ihren geliebten Ehemann, sondern auch das Einfamilienhaus. Warum? Es war zu wenig Liquidität vorhanden, um die Erbansprüche der Kinder zu begleichen. Eine Erhöhung der Hypothek zur Beschaffung der nötigen Mittel war nicht möglich. Es blieb Sandra somit nichts anderes übrig, als die Liegenschaft zu verkaufen.


Sandras Erfahrung ist kein Einzelfall. Immer wieder führt der Tod zu weit mehr als zum schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen und stellt die Hinterbliebenen vor grosse Herausforderungen:

  • Erika hat ihren Ehemann verloren. Sie begibt sich zur Bank, um Geld abzuheben. Aber der Zugriff wird ihr verweigert.
    Beim Tod eines Ehegatten sperren die Banken sämtliche Bankkonten der Verstorbenen.
     
  • Die Ehe von Daniela und Dieter ist kinderlos geblieben. Nach dem unerwarteten, frühzeitigen Tod von Daniela meldet sich überraschend deren Bruder Donald und macht seinen Erbanspruch geltend.
    ➤  Unerwartete Erben können ihre gesetzlichen Ansprüche geltend machen.
     
  • Manuela, Marco und Maria haben von ihren Eltern ein Mehrfamilienhaus geerbt. Ein Mieter ist ausgezogen, die Wohnung sollte renoviert und neu vermietet werden. Da sich die Geschwister nicht einigen können, bleibt die Wohnung unvermietet im renovationsbedürftigen Zustand.
    ➤  Die Verwaltung des Nachlasses bedarf der Zustimmung sämtlicher Erben. Wenn sich diese nicht einigen können, kann der Nachlass nicht ordnungsgemäss verwaltet werden, was zu einer Wertverminderung führen kann.
     
  • Armin hinterlässt seinen drei Kindern Adrian, Anna und Astrid mehrere Liegenschaften. Die Kinder können sich weder über die Aufteilung noch über einen Verkauf der Immobilien einigen.
    ➤  Die Erbteilung bedarf der Zustimmung aller Erben.
     
  • Nando hinterlässt seine junge Witwe Nina und ihren gemeinsamen dreijährigen Sohn Neo. Da Neo minderjährig ist, ernennt die Erwachsenen- und Kindesschutzbehörde (KESB) für ihn einen Beistand. Obwohl Nina die elterliche Sorge für Neo hat, ist sie in Bezug auf den Nachlass nicht frei.
    Minderjährige Kinder werden in der Erbengemeinschaft durch einen von der KESB ernannten Beistand vertreten. Verwaltung und Teilung des Nachlasses bedürfen der Mitwirkung des Beistands und der Zustimmung der KESB.
     
  • Anita ist verwitwet und hat drei erwachsene Kinder, Angelo, Arno und Anja. Von ihrem Mann hatte sie drei Eigentumswohnungen in Luzern, Locarno und Davos geerbt. Als sie ins Altersheim musste, hat sie die Wohnungen schenkungsweise unter ihren drei Kindern verteilt. Nach ihrem Tod entsteht ein Streit zwischen den Kindern und Erben, ob und zu welchem Wert sie sich diese Erbvorbezüge anrechnen lassen müssen.
    Übertragen Eltern zu Lebzeiten Vermögenswerte an ihre Kinder, haben die Kinder solche Zuwendungen beim späteren Tod der Eltern gegenseitig zur Ausgleichung zu bringen. Die Ausgleichungspflicht dient der Gleichstellung der Kinder. Massgebend ist der Verkehrswert der übertragenen Vermögenswerte im Todeszeitpunkt.
     
  • Gregor hat ein Unternehmen gegründet und geführt. Er war einziger Aktionär und Verwaltungsrat. Durch einen Unfall wurde er überraschend aus dem Leben gerissen. Er hinterlässt neben seiner Witwe Gabi seine beiden Kinder Gaia und Gabriel aus erster Ehe. Seine Erben können sich weder auf die Wahl eines neuen Verwaltungsrates noch auf den Verkauf der Aktien einigen.
    Die Gesellschafterrechte eines verstorbenen Aktionärs müssen durch die Erbengemeinschaft einstimmig wahrgenommen werden. Können sich die Erben nicht einigen, kann die Gesellschaft handlungsunfähig werden.

 

Gesetzliche Erbfolge

Die gesetzliche Erbfolge bestimmt, wer erbberechtigt ist, wenn dies weder in einem Testament noch in einem Erbvertrag geregelt wurde.

Bekannt ist in der Regel, dass Kinder und Ehegatten erben.

Wussten Sie, dass bei einem kinderlosen Ehepaar neben dem überlebenden Ehegatten die Eltern des Verstorbenen zu den gesetzlichen Erben gehören? Sind die Eltern vorverstorben, kommen die Geschwister des Verstorbenen oder deren Nachkommen zum Zuge (elterlicher Stamm).

Lebenspartner, die weder verheiratet sind noch in eingetragener Partnerschaft leben, haben kein gesetzliches Erbrecht.

Das Gesetz regelt, wer erbberechtigt ist und wie hoch sein Anteil an der Erbschaft ist. Die Höhe der Erbansprüche hängt von der Zusammensetzung der Erben ab:

Erbanspruch

Der Ehegatte einerseits und die Nachkommen andererseits erben jeweils die Hälfte des Nachlasses.

Die Nachkommen unter sich erben zu gleichen Teilen.

Hinterlässt der Verstorbene keine Nachkommen, erhält der Ehegatte ¾ des Nachlasses und die Eltern des Verstorbenen ¼ des Nachlasses.

Sind die Eltern des Verstorbenen bereits vorverstorbenen ohne weitere Nachkommen zu hinterlassen, fällt der gesamte Nachlass an den überlebenden Ehegatten.

 

Pflichtteile

Das Gesetz schützt den Ehegatten, die Nachkommen und (vorläufig noch) die Eltern, indem es ihnen zwingend einen Teil des Nachlasses zusichert, den der Erblasser ihnen (von speziellen Ausnahmen abgesehen) nicht entziehen kann. Dieser geschützte Teil des Nachlasses nennt sich «Pflichtteil». Jener Teil des Nachlasses, welcher nicht als Pflichtteil einem Erben zugewiesen ist, wird als «verfügbare Quote» bezeichnet.

Pflichtteil

Der Pflichtteil des Ehegatten beträgt ½ seines gesetzlichen Erbanspruches (welcher wiederum abhängig davon ist, ob er den Nachlass mit Nachkommen oder mit Erben des elterlichen Stammes zu teilen hat).

Der Pflichtteil der Nachkommen beträgt derzeit noch ¾ ihres gesetzlichen Erbanspruchs.

Der Pflichtteil jedes Elternteils (nicht jedoch der Geschwister!) beträgt aktuell noch ½ seines gesetzlichen Erbanspruchs.


Voraussichtlich per 1. Januar 2023 wird das revidierte Erbrecht in Kraft treten. Dieses erhöht die verfügbare Quote und gibt dem Erblasser mehr Handlungsspielraum, indem die Eltern nicht mehr pflichtteilsberechtigt sind und der Pflichtteil der Nachkommen auf ½ ihres gesetzlichen Erbteils reduziert wird.

Den Ehegatten gleichgestellt sind eingetragene Partner.

 

Erbengemeinschaft

Nach dem Tode bis zur Erbteilung bilden alle Erben von Gesetzes wegen eine Erbengemeinschaft.

Diese müssen für die Verwaltung des Nachlassvermögens und die Verfügung darüber zusammenwirken und sind nur bei Einstimmigkeit handlungsfähig.

Verfügungen über das Nachlassvermögen sind erst möglich, wenn eine amtliche Erbbescheinigung vorliegt. Diese dokumentiert, wer als Erbe anerkannt ist. In der Regel dauert es mehrere Monate, bei Einsprachen sogar länger, bis die zuständige Behörde eine solche Erbbescheinigung ausstellt.

 

Teilungsanspruch

Die Teilung des Nachlasses unter den Erben bedarf der Zustimmung jedes Erben.

Im Rahmen der Erbteilung haben sich die Erben auf die Bewertung der einzelnen Vermögensgegenstände, auf die Anrechnung von Vorempfängen sowie auf die Zuteilung der einzelnen Vermögenswerte zu einigen.

 

Unternehmen

Der Tod eines Unternehmers ohne Nachfolgeregelung kann dazu führen, dass das Unternehmen nicht mehr weitergeführt werden kann:

Verwaltungsräte und Geschäftsführer können nicht durch die Erben vertreten werden.

Die Aktionärsrechte sind durch die Gesamtheit der Erbengemeinschaft, d.h. einstimmig, wahrzunehmen. Dies bedeutet, dass die Erben in der Generalversammlung nur abstimmen können, wenn sie sich einig sind. Dies gilt namentlich für die Wahl der Verwaltungsräte und allenfalls der Revisionsstelle. Wenn der Verwaltungsrat nicht neu besetzt werden kann, ist eine Aktiengesellschaft handlungsunfähig und wird im worst case vom Handelsregisteramt von Amtes wegen gelöscht. Ein Verkauf von Aktien ist ebenfalls nur im Einvernehmen aller Erben möglich.

Bei einer Einzelfirma bedarf es für die gesamte Unternehmensführung der Einstimmigkeit und Mitwirkung sämtlicher Erben.

 

Mögliche Vorkehrungen zur Optimierung der Erbfolge

Durch das Verfassen eines Testaments oder den Abschluss eines Erbvertrages kann die Erbfolge im gesetzlichen Rahmen den individuellen Bedürfnissen entsprechend geregelt werden. Es sind insbesondere die folgenden Vorkehrungen möglich:

  • Bestimmung der Begünstigten
    Nicht pflichtteilsgeschützte Erben können von der Begünstigung ausgenommen werden. An ihrer Stelle können im Rahmen der verfügbaren Quote gesetzlich nicht vorgesehene Begünstigte eingesetzt werden.
     
  • Veränderung der Erbanteile der Begünstigten
    Im Rahmen der verfügbaren Quote können die Erbanteile der Begünstigten von der gesetzlichen Regelung abweichend festgesetzt werden (z.B. Meistbegünstigung des überlebenden Ehegatten).
     
  • Erlass von Teilungsregeln
    Zuweisung einzelner Vermögensgegenstände (z.B. einer Liegenschaft) an bestimmte Erben; Festlegung des Anrechnungswertes oder von Bewertungsregeln, insbesondere für Liegenschaften und Gesellschaftsanteile, im Hinblick auf die Bewertung des Nachlasses und die Berechnung der einzelnen Erbansprüche (von Gesetzes wegen ist der Verkehrswert im Todeszeitpunkt massgebend; der Anrechnungswert kann abweichend davon festgesetzt werden, sofern dadurch die Pflichtteile der übrigen Erben nicht verletzt werden).
     
  • Einsetzen eines Willensvollstreckers
    Um den Zugriff auf die Bankkonten des Nachlasses bis zur Ausfertigung der Erbbescheinigung zu ermöglichen, um die Verwaltung des Nachlasses bis zur Erbteilung sicherzustellen und um die Erbteilung gemäss Vorgaben des Erblassers durchzuführen.

 

Handeln Sie rechtzeitig, um böse Überraschungen beim Verlust eines Angehörigen zu vermeiden, aber auch, um Ihren eigenen Handlungsspielraum optimal auszunutzen - im Ernstfall kommt dies Ihren Liebsten zugute.

 

Weiterführende Informationen

Broschüre: «Nachlassregelung»

 

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