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Artikel:

Betriebswirtschaftliche Fragen rund um den COVID-19-Kredit

20. April 2020

Dr. Jürg Glesti , Leiter M&A Schweiz, Partner |
Christian Ryf , Senior Manager M&A |
7 min

Durch die Krise betroffene und somit unverschuldet in Liquiditätsschwierigkeiten geratene Unternehmen erhalten Unterstützung durch den Staat. Diese erfolgt rasch und unbürokratisch – die Auszahlung des sogenannt kleinen COVID-19-Kredits erfolgt umgehend, teils innert 24 Stunden. An welche Voraussetzungen sind die Kreditvergaben geknüpft? Und wann ist dieses Kreditprogramm womöglich nicht das geeignete Mittel und schafft mittelfristig eher neue Probleme als Lösungen?

 

Unbürokratischer und rascher staatlicher Support zugunsten der Wirtschaft

Im Zuge der COVID-19 Vorkommnisse hat der Bundesrat Ende März 2020 kommuniziert, die Schweizer Wirtschaft mit einem beispiellosen Hilfspaket zu unterstützen. Nebst staatlich gewährten Fristerstreckungen bei Zahlungen, einem vereinfachten Zugang zur Kurzarbeits- und Erwerbsersatzentschädigung und weiterer Massnahmen, hat der Bund entschieden, dass von der Krise betroffene KMU rasch Zugang zu Krediten für die Überbrückung von Corona-bedingten Liquiditätsengpässen erhalten. Ein Kreditprogramm in Höhe von insgesamt 40 Milliarden Franken. Der Bund übernimmt die entsprechende Solidarbürgschaft auf diesen Krediten. Mit diesen Massnahmen soll sichergestellt werden, dass KMU ihren Verpflichtungen nachkommen können sowie ausreichend Liquidität vorhanden ist, damit diese, trotz Corona-bedingten Umsatzeinbussen, die laufenden Fixkosten decken können.

Die Umsetzung der Kreditvergabe wurde in einem gemeinsamen Kraftakt zwischen Bund, Schweizer Nationalbank und mehr als 100 Schweizer Geschäftsbanken in kurzer Zeit orchestriert. Dabei unterscheiden die beteiligten Finanzinstitute grundsätzlich zwei Arten von COVID-19-Krediten: den sogenannt kleinen Kredit und den Kredit Plus. In beiden Fällen lautet die oberste Maxime, durch die Krise betroffene und somit unverschuldet in Liquiditätsschwierigkeiten geratene Unternehmen rasch und unbürokratisch zu unterstützen.

 

Kleiner COVID-19-Kredit

Im Falle des kleinen Kredites dauert die Gesuchprüfung in vielen Fällen weniger als 30 Minuten und die Auszahlung erfolgt umgehend, teils innert 24 Stunden.

Im Falle des kleinen COVID-19-Kredits (bis 500'000 Franken jedoch maximal 10 Prozent des Umsatzerlöses 2019; Zinssatz bis auf weiteres 0 Prozent) ist dieser zu 100 Prozent vom Bund abgesichert. Die Kreditprüfung geschieht mittels einer vom Unternehmer unterzeichneten Selbstdeklaration.

 

COVID-19-Kredit Plus

COVID-19-Kredite Plus, die den Betrag von 500'000 Franken übersteigen, können bis zu 20 Millionen Franken pro Unternehmen betragen. Dabei werden diese zu 85 Prozent vom Bund abgesichert und die kreditgebende Bank bürgt für die verbleibenden 15 Prozent des Kredits. Daher setzt diese Kreditvergabe eine umfassendere Bankenprüfung voraus, wodurch eine mehrtägige Prüfung notwendig wird. Bei diesen Krediten beträgt der Zinssatz aktuell 0,5 Prozent auf dem vom Bund abgesicherten Darlehen.

Insbesondere Start-ups, die meist keine oder sehr geringe Umsätze aufweisen, werden im Rahmen dieses Kreditvergabepakets nicht berücksichtigt. Einige Kantone haben daher eigene Fonds geöffnet, um diese Unternehmen zu unterstützen. Die Kredithöhe bemisst sich sodann meist am vorherrschenden Fixkostenblock.

 

Die Kredite können die Bewegungsfreiheit der Unternehmen einschränken

Durch die rasche, unbürokratische Kreditvergabe - insbesondere im Falle des kleinen Kredits, der faktisch einzig der Unterschrift auf der Selbstdeklaration bedarf - war und ist in dieser Unsicherheitsphase die Verlockung seitens der Unternehmen gross, sich sicherheitshalber eines solchen Kredits zu «bedienen». Dabei gilt es jedoch, sich vor Augen zu führen, dass dieser Kredit nicht «à fonds perdu» ist, innerhalb von fünf Jahren zurückgeführt werden muss und der 0 Prozent-Zinssatz aktuell für die Dauer von einem Jahr beschränkt ist.

Mit Unterzeichnung der Selbstdeklaration haben sich die Unternehmen mit den nachfolgenden Regeln bzw. Einschränkungen einverstanden erklärt (Verordnung vom 25. März 2020; 4. Abschnitt, Art. 6, Ziff 2&3).
 

Die Gewährung eines COVID-19-Kredits ist ausgeschlossen, wenn:

der zu verbürgende Kredit dem Kreditnehmer oder der Kreditnehmerin dazu dienen würde, neue Investitionen ins Anlagevermögen zu tätigen, die nicht Ersatzinvestitionen sind.

Während der Dauer des COVID-19-Kredits ausgeschlossen sind:

  1. die Ausschüttung von Dividenden und Tantiemen sowie das Zurückerstatten von Kapitaleinlagen;
  2. die Gewährung von Aktivdarlehen oder die Refinanzierung von als Aktivdarlehen ausgestalteten Privat- und Aktionärsdarlehen, mit Ausnahme der Refinanzierung von seit dem 23. März 2020 aufgelaufenen Kontoüberzügen bei derjenigen Bank, die den nach dieser Verordnung verbürgten Kredit gewährt;
  3. das Zurückführen von Gruppendarlehen; und
  4. die Übertragung von mittels einer Solidarbürgschaft nach dieser Verordnung besicherten Kreditmitteln an eine mit dem Gesuchsteller oder der Gesuchstellerin direkt oder indirekt verbundene Gruppengesellschaft, die ihren Sitz nicht in der Schweiz hat.


Aus den genannten Einschränkungen wird ersichtlich, dass der finanztechnische Handlungsspielraum - insbesondere bei Holdingstrukturen - deutlich eingeschränkt wird. Nebst der Tatsache, dass Unternehmen mit den gesprochenen Geldern keine Neuinvestitionen (u.a. Maschinen, Fahrzeuge) tätigen dürfen, ist vor allem die Dividenden- und Schuldenbegleichungsrestriktion klar im Auge zu behalten. Bevor in irgendeiner Form Dividenden ausgeschüttet oder Darlehen (Privat- und Aktionärsdarlehen) zurückgeführt werden können, muss ein allfälliger COVID-19-Kredit zurückgeführt werden. So können zukünftige Gewinne aus der operativen Gesellschaft (Tochtergesellschaft) nicht in die Muttergesellschaft geleitet werden. Dadurch ist der Schuldendienst (Amortisationen und Zinszahlungen auf Akquisitions- oder Finanzierungsdarlehen) während dieser Periode in der Muttergesellschaft nicht möglich, wodurch das «Liquiditätsproblem» eine Stufe nach oben geschoben wird.

 

Beispiel aus der Praxis

Ausgangslage: Die in der Schweiz ansässige «Produktions AG» produziert als Zulieferer für die Konsumgüterindustrie ihre Produkte. Organisatorisch ist das Unternehmen einer ebenfalls in der Schweiz ansässigen Muttergesellschaft angegliedert, welche unter ihrem Schirm noch weitere Tochtergesellschaften führt. Die «Produktions AG» zählt rund 60 Mitarbeitende und erwirtschaftet einen Umsatz in Höhe von ca. 25 Millionen Franken. Aufgrund der Lieferketten bestehen für die Unternehmen insbesondere beim Einkauf der Rohmaterialien währungsbedingte wie auch logistische Abhängigkeiten. Der Hauptteil des Absatzes erwirtschaftet die «Produktions AG» jedoch in der Schweiz. Bereits seit längerer Zeit ist die Liquiditätslage in der Unternehmung angespannt und der genaue, konsolidierte Blick über alle Gruppengesellschaften ist nur limitiert vorhanden. Liquiditätsengpässe innerhalb der Gruppe wurden jeweils mittels Gewährung von Intercompany-Darlehen ausgeglichen.

Mit Eintritt der Krise im März 2020 und dem Einbruch von Umsätzen spitzte sich die Liquiditätssituation in der «Produktions AG» rasch und spürbar zu. Der Mangel an organisatorischen Strukturen wie auch der getrübte Blick auf die Liquiditätssituation in den einzelnen Gruppengesellschaften erweisen sich auch in diesem Falle einmal mehr als grösste Herausforderung. Die Massnahmen des Bundes kommen daher wie gerufen und so versuchte die Unternehmensgruppe, ihr Liquiditätsproblem mittels des raschen, unbürokratischen Kreditangebotes des Bundes zu beheben und beantragte in der Folge einen COVID-19-Kredit über 500'000 Franken. Die Voraussetzungen hierzu sind aus Sicht der «Produktions AG» erfüllt (Verordnung vom 25. März 2020; 2. Abschnitt, Art. 3, Ziff 1), da sie:
 

  1. vor dem 1. März 2020 gegründet worden ist;
  2. sich im Zeitpunkt der Einreichung des Gesuchs nicht in einem Konkurs- oder Nachlassverfahren oder in Liquidation befindet;
  3. aufgrund der COVID-19-Pandemie - namentlich hinsichtlich ihres Umsatzes - wirtschaftlich erheblich beeinträchtigt ist.


Fazit: Die Frage stellt sich insbesondere, wie im Nachgang der in der Selbstdeklaration festgehaltene Passus «wirtschaftlich erheblich beeinträchtigt» ausgelegt wird. Der Bundesrat behält sich vor, fehlbaren Unternehmen Bussen auszusprechen.
Aufgrund der obgenannten Einschränkungen, die solch ein Kredit mit sich bringt, findet sich die «Produktions AG» nun zudem in einer Situation wieder, in welcher die nötigen Neuinvestitionen nicht/nur limitiert getätigt werden können und in welcher sie die Muttergesellschaft nicht mit Dividenden bzw. der Rückführung der Intercompany-Darlehen bedienen kann. So wird an diesem und anderen Beispielen aus der Praxis klar, dass sich der Blindflug bei der Liquiditätssituation in Krisenzeiten rächt. Sich verschärfende Liquiditätsengpässe werden durch das Kreditprogramm des Bundes nicht einfach ungeschehen gemacht. Solange man solche Kredite im Unternehmen hält, gibt es klare finanz-operative Regeln, an die man sich zu halten hat. Darüber hinaus wird vom Bund die Rückzahlung des Kredits innerhalb von fünf Jahren gefordert. Somit wird ersichtlich, dass dieses Kreditprogramm, so verlockend dieses auch scheinen mag, nicht für alle Unternehmen das geeignete Mittel ist und so möglicherweise mittelfristig eher neue Probleme geschaffen als gelöst werden.

 

Nach der Krise ist vor der Krise

Aus dem Beispiel der «Produktions AG» wird deutlich, dass eine umsichtige und kontinuierliche strategische Führung von zentraler Bedeutung ist. In einer Krise steht die Bewältigung der operativen Herausforderungen im Zentrum des Handels, dabei sollten die strategischen Grundlagen erarbeitet und implementiert sein. In einigen Monaten wird man auf die turbulente Zeit im Frühjahr 2020 zurückblicken und sicherlich einige Themenfelder entdecken, welche der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung mittelfristig überprüfen und falls notwendig anpassen sollten. Denn eines ist klar, die Frage ist nicht, ob die nächste Krise kommt, sondern wann. Dann zeigt sich, ob ein Unternehmen gut gerüstet ist, um bei aufkeimender Hektik einen ungetrübten Blick auf die wesentlichen Faktoren zu richten. Was schon immer galt: Man kann strategische Probleme nicht mit operativen Massnahmen beheben! Gerne unterstützen wir Sie bei der Analyse Ihres Unternehmens bei operativen und strategischen Fragestellungen. Diese können sein:

 

Operative Fragestellungen
  • Rollierende und dynamische Liquiditätsplanung, denn die Liquidität ist der Atem der Unternehmung. Dies beinhaltet nebst den Kassenbeständen bei Bank und Post weitere Bestandteile, um als Unternehmen die Liquiditätssituation umfassend zu sehen und antizipieren zu können.
  • Überprüfung des Nettoumlaufvermögen (Debitoren- und Kreditorenmanagement, Lagerbewirtschaftung) da dies gebundenes Kapital darstellt. Durch eine Optimierung in diesem Bereich kann ein Unternehmen enorm viel Geld sparen und die Liquidität schonen.
  • Organigramm, mit klarer Zuteilung der Aufgabenfelder und entsprechender Verantwortlichkeiten inkl. Stellvertretungsregelungen.
  • Pflege der Beziehung zur Hausbank, dass man auch in Krisenzeiten partnerschaftlich eine Lösung finden kann.

 

Strukturelle Fragestellungen
  • Überprüfen der aktuellen Wertschöpfungstiefe sowie der Logistikwege zu Lieferanten. Eine zu weitreichende geographische Ausbreitung kann die Unternehmung in Krisen verletzlich machen. Vielleicht ist die «Make or Buy» Strategie zu überdenken, und somit ist die Reintegration von gewissen Arbeitsschritten nötig, um Abhängigkeiten zu reduzieren.
  • Überprüfung der Bilanz hinsichtlich der Vermögenswerte (u.a. Liegenschaften, Fahrzeuge, Maschinen). Im Falle von operativ notwendigen Vermögenswerten kann eine Unternehmung mittels Sale & Lease-Back die Bilanz kürzen. Auch im Falle von nicht betriebsnotwendigen Vermögenswerten ist es meist ratsam, die Struktur zu hinterfragen und zu optimieren.
  • Sicherstellen von genügend Kreditlimiten und Wahrung der Fristenkongruenz der Vermögenswerte und der damit einhergehenden Finanzierungsstruktur

Sobald die Krise überwunden ist, sollten wir mit guten Vorsätzen diese Dauerthemen der strukturellen und operativen Fragen aktiv angehen.

 

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