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  • Environmental, Social and Governance (ESG) - Die Nachhaltigkeit erreicht die Finanzbranche
Artikel:

Environmental, Social and Governance (ESG) - Die Nachhaltigkeit erreicht die Finanzbranche

07. Oktober 2019

ESG - drei Buchstaben, hinter denen sich ein gross angelegtes europäisches Regulierungspaket verbirgt, welches auch an schweizerischen Finanzinstituten nicht spurlos vorbeigehen wird.

ESG steht für «Environmental, Social and Governance» oder - zu deutsch - «Umwelt, Soziales und Unternehmensführung» und definiert den Rahmen für und den Umgang mit nachhaltigen Investitionen. Die ESG-Initiative der Europäischen Union geht zurück auf das Pariser Klimaübereinkommen von Ende 2015, in welchem die internationale Staatengemeinschaft beschloss, die Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Stand zu limitieren. In der Folge gründete die EU eine High-Level Expert Group on Sustainable Finance, die Anfang 2018 einen Aktionsplan zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum publizierte. Dies wiederum mündete in folgenden vier konkreten Regulierungsvorhaben, welche die EU im Frühjahr 2018 veröffentlichte:

  • Verordnung über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen (sogenannte «Taxonomie»)
     
  • Verordnung über die Offenlegung von Informationen über nachhaltige Investitionen und Nachhaltigkeitsrisiken
     
  • Verordnung über Referenzwerte für CO2-arme Investitionen und Referenzwerte für Investitionen mit günstiger CO2-Bilanz
     
  • Anpassung von MiFID II und IDD (Insurance Distribution Directive) mittels Einschluss von ESG-Faktoren
     

Das EU Regulierungspaket

Verordnung über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen

Mit der sogenannten «Taxonomie» soll eine einheitliche Einstufung ermöglicht werden, um zu beurteilen, welche Aktivitäten ökologisch nachhaltig sind und welche nicht. Diese wiederum soll als Basis für Standards von «grünen Anleihen» bzw. Gütesiegel von Finanzprodukten wie Fonds dienen. Die EU erhofft sich dadurch Effizienzgewinne, weil Banken oder Fondsgesellschaften bzw. Investoren nicht mehr selbst analysieren müssen, ob ein Wertpapier oder das dahinterstehende Unternehmen nachhaltig ist bzw. welchen (Umwelt-)Risiken es ausgesetzt ist.

Gemäss derzeitigem Regulierungsentwurf sollen Aktivitäten dann als nachhaltig gelten, wenn sie zu folgenden Zielen beitragen:

  • Minderung des Klimawandels
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser und marinen Ressourcen
  • Wechsel zur Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling
  • Vermeidung und Kontrolle von Umweltverschmutzung
  • Schutz von gesunden Ökosystemen

Der Entwurf der Taxonomie rief unter anderem als Kritikpunkte hervor, dass die damit verbundenen Listen und Kategorisierungen zu feingliedrig seien und namentlich kleinere Unternehmen die für ihre ESG-Einstufung notwendigen Informationen oft nicht auf systematischer Basis verfügbar hätten. Weiter erfordere die technologische Anpassung eine konstante Anpassung der entsprechenden Grundlagen und bei der Einstufung von Konzernen mit breitgefächerten Aktivitäten, welche sowohl ESG-kompatiblen wie auch anderen Aktivitäten nachgehen, würden praktische Probleme  entstehen. So stellt sich beispielsweise die Frage, wie die Aktie eines Konzerns wie ABB, der Komponenten für Windgeneratoren wie auch für Kohlekraftwerke herstellt, unter ESG-Gesichtspunkten einzustufen ist. Der Aufbau der Taxonomie basierend auf einem europäischen Branchencode erschwere sodann die Bewertung international diversifizierter Portfolios. Schliesslich berücksichtige der derzeitige Entwurf - wie durch obenstehende Aufzählung illustriert wird - fast ausschliesslich den Faktor Umwelt.
 

Verordnung über die Offenlegung von Informationen über nachhaltige Investitionen und Nachhaltigkeitsrisiken

Basierend auf dieser Verordnung werden Finanzinstitute in der EU zukünftig ihre Verfahren zur Integration von ESG-Risiken in ihren Anlage- und Beratungsprozess offenzulegen haben. Weiter sind die - in der Praxis wohl oft schwer kalkulierbaren - Auswirkungen der ESG-Risiken auf die Rendite von Finanzprodukten anzugeben, und zwar unabhängig davon, ob diese als nachhaltige oder als konventionelle Anlageprodukte vermarktet werden. ESG-Faktoren sind sodann in Entschädigungsmodellen zu berücksichtigen. Bei einer angeblich nachhaltigen Anlagestrategie sind weiter Angaben zu den Methoden und deren Umsetzung zu machen, beispielsweise bezüglich des ökologischen Fussabdrucks von Finanzprodukten und/oder Portfolios. Im Falle von Finanzprodukten mit ausdrücklichem Ziel der Verringerung von CO2-Emissionen ist die konkrete Verringerung zu quantifizieren und schliesslich sind ESG-Faktoren in jegliche Research-Tätigkeiten einzubeziehen.

Im Zusammenhang mit den erwähnten spezifischen Offenlegungspflichten bei nachhaltigen Anlagestrategien bzw. Finanzprodukten wird teilweise die Befürchtung geäussert, dass die damit verbundenen erhöhten Kosten das Angebot an nachhaltigen Finanzprodukten eher verringern als erhöhen werden. Ob dem so ist, wird sich zeigen, wobei wir eher davon ausgehen, dass eine stetig wachsende Nachfrage nach nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten trotz regulatorischer Hürden zu einer Erweiterung des entsprechenden Angebots führen wird.
 

Verordnung über Referenzwerte für CO2-arme Investitionen und Referenzwerte für Investitionen mit günstiger CO2-Bilanz

Mit dieser Verordnung sollen Standards für zwei Typen von Aktien-Benchmarks geschaffen werden:

  • Low-Carbon-Benchmarks für Titel von Unternehmen, die einen kleineren CO2-Fussabdruck haben als jene, die in herkömmlichen, marktgewichteten Benchmarks enthalten sind
     
  • Positive-Carbon-Impact-Benchmarks für Titel von Unternehmen, die zu CO2-Einsparungen beitragen, die den eigenen CO2-Fussabdruck des Unternehmens übertreffen

Die entsprechenden Referenzwerte sollen die Standardisierung der Berechnung von CO2-Fussabdrücken ermöglichen, bessere Informationen über den CO2-Fussabdruck eines Portfolios liefern und die Vergleichbarkeit eines Portfolios mit anderen Portfolios oder Indizes bzw. Benchmarks erleichtern.
 

Anpassung von MiFID II und Insurance Distribution Directive (IDD)

Gestützt auf die entsprechenden Anpassungen werden zukünftig im Rahmen der Eignungs- und Angemessenheitsprüfung («Suitability» and «Appropriateness») die ESG-Präferenzen der Kunden zu erfragen und zu berücksichtigen sein. Die EU erhofft sich davon, dass auch Privatanleger vermehrt nachhaltige Anlagen tätigen.

In der operativen Umsetzung erfordern diese neue Pflichten eine Anpassung von Formularen und Systemen im Rahmen des Anlageberatungs- und Vermögensverwaltungsprozesses. Dabei wird sich insbesondere die Frage stellen, wie die ESG-Präferenzen der Kunden konkret mit Anlagevorschlägen bzw. Transaktionen im Rahmen der Vermögensverwaltung verknüpft werden sollen.
 

Zeitplan

Während das Inkrafttreten der Bestimmungen zur Taxonomie unter anderem aufgrund der zahlreichen Kritikpunkte noch zeitlich ungewiss ist und gemäss derzeitigem Stand «zwischen 2020 und 2022» erfolgen soll, geht die EU bezüglich der Verordnung zu den Offenlegungspflichten von einem voraussichtlichen Inkrafttreten im Herbst 2020, mit Übergangsfristen in verschiedenen Bereichen, aus. Die Bestimmungen zu den CO2-Benchmarks sollen voraussichtlich schon im April 2020 in Kraft treten und mit einem Inkrafttreten der Anpassung von MiFID II und IDD wird für Ende 2020, mit anschliessenden Übergangsfristen für die nationale Umsetzung, gerechnet.
 

ESG und Schweizer Finanzinstitute

Obwohl es sich bei den beschriebenen Regulierungsvorhaben um EU-Projekte handelt, können Schweizer Finanzinstitute in vielfacher Hinsicht davon betroffen sein:

  • Sofern ein Schweizer Finanzinstitut ein Finanzprodukt in der EU als nachhaltig bzw. ESG-konform vertreiben will, wird es nicht darum herumkommen, die europäischen ESG-Regulierungen zu beachten.
     
  • Bei Schweizer Instituten mit einem relevanten Anteil von Kunden mit EU-Domizil wird sich im Rahmen einer Risikoabwägung wie schon bei MiFID II die Frage stellen, inwiefern die ESG-Regulierung oder Teile davon autonom umgesetzt werden sollen.
     
  • Auch in der Schweiz ist von einer stetig wachsenden Kundennachfrage nach ESG-verträglichen Anlagemöglichkeiten auszugehen, dies insbesondere bei Anlegern mit teilweise politisch gefärbten Entscheidungsgremien wie Pensionskassen, Anlagestiftungen oder Gemeinwesen.
     
  • Schliesslich ist das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda der Bundesbehörden wie namentlich des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF). So weist das SIF seit mehreren Jahren auf seine Mitwirkung in internationalen Gremien zur Nachhaltigkeitsthematik - beispielsweise im Rahmen der G20 oder des Financial Stability Board - hin und formuliert den Abschluss von Branchenvereinbarungen mit Finanzmarktakteuren im Bereich ESG ausdrücklich als mittelfristiges Ziel.