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10.02.2016

Der Korruptionsindex von Transparency International - Was er aussagt und was nicht.

Vor wenigen Tagen hat Transparency International (TI) den Korruptionsindex 2015 publiziert. Der Kommentar von TI dazu gleicht sehr stark jenen aus den Vorjahren - die Reaktion in der Öffentlichkeit ebenfalls. TI konstatiert eine Verschlechterung der Schweiz um zwei Positionen (neu auf Rang 7) und begründet das mit vermehrt publik gewordener Korruption im öffentlichen Beschaffungswesen (allerdings ohne Beispiele zu nennen).

Die NZZ kommentierte, dass die Schweiz sich bei gleich bleibender Punktzahl um zwei Ränge verschlechtert habe und der Index ohnehin keine genaue Aussage machen könne . Der Tages-Anzeiger übernimmt fast wörtlich die Stellungnahme von TI und stellt fest, dass in der Schweiz halt schon sehr viel Korruption vorkomme und viel zu tun bleibe («Korruption in der Schweiz nimmt zu»; dazu ein Bild des Hotels Baur au Lac, in dem FIFA Funktionäre verhaftet wurden).

Es ist tatsächlich so, dass der von TI erhobene Index keine exakte Wissenschaft ist. Es gibt keine Radargeräte in der Wirtschaft oder der Verwaltung, die Korruption messen (wie hoch wäre der Toleranzabzug?) und die Erhebung der Korruption ist auch nicht ein Forschungsgebiet des Bundesamtes für Statistik. Deshalb ist der Index das, was er im englischen Originaltitel «Corruption Perceptions Index» auch deklariert: eine Messung der wahrgenommenen Korruption. Dabei werden von Experten verschiedene Untersuchungen herangezogen und aggregiert, nicht in jedem Land die gleichen, nicht in jedem Land gleich viel. Daraus kann sich nur ein relativ grobes Bild über eine wahrgenommene, von der Bevölkerung «gefühlte» Korruption ergeben. Grosse Veränderungen in der Punktzahl sind nur in Ländern zu erwarten, in denen von einem Tag auf den anderen plötzlich überhaupt keine Korruption mehr wahrgenommen wird (wohl eher selten), oder in Ländern, die plötzlich von einer Vielzahl von publik gewordenen Korruptionsskandalen erschüttert werden. Vor diesem Hintergrund erscheint die Steigerung von Holland um vier Punkte in einem Jahr schon fast (korruptions-) verdächtig, respektive ist ein Beleg für die Ungenauigkeit der Messung. Der Versuch, Veränderungen im Bereich von einem oder zwei Punkten interpretieren zu wollen, muss scheitern.

Ist der Index von TI damit wertlos? Auf keinen Fall! Die Korruption ist ein schwerwiegendes Delikt, führt zu stossenden Ungerechtigkeiten und schädigt die Entwicklung ganzer Volkswirtschaften nachhaltig. Die öffentlichen Einrichtungen der Schweiz und die Schweizer Privatwirtschaft haben eine Pflicht, die Länder, welche unter grosser Korruption leiden, zu unterstützen. Dabei haben die Landesregierung, die Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und der private Sektor ihren Beitrag zu leisten.

Wenn man, statt sich auf Minimal-Veränderungen im Index zu konzentrieren, das grosse Ganze im Auge behält, könnte man wertvolle Hinweise erhalten. Zum Beispiel, dass sich Grossbritannien in den letzten vier Jahren kontinuierlich von 74 auf 81 Punkte verbessert hat: Die machen offenbar einiges richtig und man könnte eventuell von ihnen lernen. Im Gegensatz dazu scheint in der Türkei mit einem Rückgang von 50 auf 42 Punkte innert dreier Jahre einiges schief zu laufen. Die Schulung zu «Doing Business in Turkey» braucht eventuell eine Überarbeitung.

Haben in diesem Zusammenhang auch wir als Treuhänder und Wirtschaftsprüfer eine Verantwortung? Das Thema ist uns heute aufgrund regulatorischer und gesetzlicher Änderungen sowie einer höheren Sensibilität in der Öffentlichkeit viel näher, als noch vor wenigen Jahren. Die Treuhänder können zu Gehilfen oder Mittätern werden, wenn sie bewusst Aufwand für Korruptionszahlungen auf «unverdächtigen» Konten verbuchen. Und die Wirtschaftsprüfer sind - zumal im Rahmen der ordentlichen Revision - aufgrund der Prüfungsstandards verpflichtet, sich mit dem Thema Korruption und den möglichen Auswirkungen auf die Jahresrechnung zu beschäftigen. Diese Vorgabe darf man mit Blick auf Art. 102 des Strafgesetzbuches (Strafbarkeit des Unternehmens, u.a. bei Korruption) nicht auf die leichte Schulter nehmen. Auch wenn die Wirtschaftsprüfer in der Schweiz nicht jeden schweren Gesetzesverstoss unmittelbar der Staatsanwaltschaft melden müssen (wie dies z.B. in Indien der Fall ist), tragen wir als Branche eine nicht zu unterschätzende Verantwortung im Kampf gegen die Korruption - im In- und im Ausland.

Der Index von TI ist also - zumal bei vertiefter Betrachtung - ein wertvolles Instrument, das der Wirtschaft und der Öffentlichkeit zur gründlichen Analyse zu empfehlen ist. Man könnte überraschende und wertvolle Erkenntnisse gewinnen!

Werner Schiesser


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